Auf der Baustelle zählen Augenverletzungen zu den häufigen Unfallarten. Splitter, Staub, Funken sowie UV- und IR-Strahlung gefährden die Augen bei vielen Tätigkeiten. Schutzbrillen mindern dieses Risiko, sofern sie den geltenden Schutzbrillen-Normen entsprechen und zur jeweiligen Gefährdung passen. Viele dieser Augenverletzungen lassen sich vermeiden. Dieser Beitrag erklärt die wichtigsten Normen für den Augenschutz, die Bedeutung der Kennzeichnung und die Auswahl der passenden Schutzbrille.
Der Augenschutz zählt zur persönlichen Schutzausrüstung (PSA) der Kategorie II. In der Europäischen Union regelt die PSA-Verordnung (EU) 2016/425 die grundlegenden Anforderungen; in der Schweiz gelten entsprechende Bestimmungen und dieselben europäischen Normen. Welcher Augenschutz erforderlich ist, ergibt sich aus einer Gefährdungsbeurteilung des Arbeitsplatzes, die der Arbeitgeber durchführt.
Warum Augenschutz auf der Baustelle Pflicht ist
Auf Baustellen treten zahlreiche Gefahren für die Augen auf. Sie lassen sich in mechanische, optische und chemische Einwirkungen einteilen:
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Mechanische Gefahren: Beim Bohren, Schleifen und Trennen entstehen Splitter, Staub und umherfliegende Teilchen, die ins Auge gelangen können.
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Optische Strahlung: Beim Schweissen und Brennschneiden wirken UV-Strahlung und IR-Strahlung auf die Augen ein; im Freien kommt die UV-Strahlung der Sonne hinzu.
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Chemische Einwirkungen: Spritzer von Flüssigkeiten sowie Gase, Dämpfe, Nebel und Rauch reizen oder verätzen die Augen.
Regelwerke und Richtlinien der Unfallversicherer – etwa der BG BAU und der DGUV in Deutschland sowie der SUVA in der Schweiz – verlangen geeigneten Augenschutz, sobald die Gefährdungsbeurteilung ein Risiko ergibt. Das Tragen einer passenden Schutzbrille ist dann für alle Personen am Arbeitsplatz verbindlich. Schon ein einzelnes Metallteilchen kann die Hornhaut verletzen, weshalb der Augenschutz ein fester Bestandteil der Arbeitssicherheit auf der Baustelle ist.
Die wichtigsten Schutzbrillen-Normen
Mehrere europäische Normen legen die Anforderungen an Augenschutzprodukte fest. Die Grundnorm wird durch spezifische Normen für einzelne Filter und Anwendungen ergänzt.
EN 166 – die Grundnorm für den Augenschutz
DIN EN 166 beschreibt die allgemeinen Anforderungen an persönlichen Augenschutz: Arten, Aufbau, optische Güte, mechanische Festigkeit und Kennzeichnung. Sie bildet die Grundlage, auf die sich die übrigen Normen beziehen. Ergänzend regeln weitere Standards einzelne Filtertypen:
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EN 169: Schweisserschutzfilter mit festen Schutzstufen.
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EN 170: UV-Schutzfilter gegen ultraviolette Strahlung.
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EN 171: Infrarotschutzfilter (IR) gegen Wärmestrahlung.
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EN 172: Sonnenschutzfilter für den betrieblichen Gebrauch im Aussenbereich.
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EN 175: Geräte für den Augen- und Gesichtsschutz beim Schweissen.
Sichtscheiben mit einer Lichttransmission über 74 Prozent gelten als farblos und schützen vor allem gegen aufprallende Teilchen. Liegt der Wert darunter, handelt es sich um Sichtscheiben mit Filterwirkung gegen UV-Strahlung, Blendung oder IR-Strahlung. Grün getönte Filter dienen vor allem dem Schweissen und Brennschneiden.
EN ISO 16321 – die neue internationale Norm
Mit der EN ISO 16321 wird der Augenschutz international vereinheitlicht. Sie besteht aus drei Teilen: EN ISO 16321 1 regelt die allgemeinen Anforderungen, EN ISO 16321 2 den Schweisserschutz und EN ISO 16321 3 die Schutzgeräte aus Gewebe gegen mechanische Gefahren. Gegenüber der EN 166 ändern sich auch die Prüfungen: Für den Aufpralltest wird eine grössere und schwerere Stahlkugel bei niedrigerer Auftreffgeschwindigkeit verwendet. Die Norm löst die EN 166 schrittweise ab. Nach dem 11. Dezember 2025 werden keine neuen Zertifikate mehr nach EN 166 ausgestellt. Bereits zertifizierte Augenschutzprodukte behalten ihre Gültigkeit bis zum Ablauf des Zertifikats, dessen Laufzeit fünf Jahre beträgt.
Kennzeichnung von Schutzbrillen verstehen
Die Kennzeichnung zeigt, wovor eine Schutzbrille schützt. Sichtscheiben und Trägerkörper werden getrennt markiert; stimmen ihre Festigkeitsstufen nicht überein, gilt für die gesamte Brille die niedrigere Stufe. Die Sichtscheiben tragen in fester Reihenfolge Angaben zu Schutzstufe, Hersteller, optischer Klasse, mechanischer Festigkeit und weiteren Eigenschaften.
Wichtige Kurzzeichen auf den Sichtscheiben sind:
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Optische Klasse (1–3): Klasse 1 eignet sich für dauerhaftes Tragen.
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K: Beständigkeit gegen Oberflächenschäden durch feine Teilchen.
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N: Beständigkeit gegen Beschlagen.
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T: Beständigkeit gegen Teilchen mit hoher Geschwindigkeit bei extremen Temperaturen (z. B. „AT“).
Die mechanische Festigkeit gegen aufprallende Teilchen ist über Kurzzeichen geregelt. Die folgende Tabelle zeigt die Stufen nach EN 166 und nach EN ISO 16321:
|
Kurzzeichen |
Norm |
Auftreffgeschwindigkeit |
Energieniveau |
|---|---|---|---|
|
S |
EN 166 |
erhöhte Festigkeit (Fallprüfung) |
verstärkter Grundschutz |
|
F |
EN 166 |
45 m/s |
niedrige Energie |
|
B |
EN 166 |
120 m/s |
mittlere Energie |
|
A |
EN 166 |
190 m/s |
hohe Energie |
|
C |
EN ISO 16321 |
45 m/s |
niedrige Energie |
|
D |
EN ISO 16321 |
80 m/s |
mittlere Energie |
|
E |
EN ISO 16321 |
120 m/s |
hohe Energie |
Der Trägerkörper trägt zusätzlich die Kennnummer des Verwendungsbereichs. Gebräuchlich sind: 3 für Flüssigkeiten, 4 für Grobstaub, 5 für Gase, Dämpfe, Nebel, Rauch und Feinstaub, 8 für den Störlichtbogen sowie 9 für Schmelzmetalle und heisse Festkörper.
Bei filternden Sichtscheiben steht vor der Schutzstufe eine Codenummer: 2 oder 2C für UV-Schutzfilter (EN 170), 4 für IR-Schutzfilter (EN 171) sowie 5 und 6 für Sonnenschutzfilter (EN 172). Folgt auf die Codenummer ein C, ist eine gute Farberkennung gewährleistet.
Ein Beispiel verdeutlicht das Prinzip: Die Kennzeichnung „2C-1,2 ITW 1 FT KN CE“ auf einer Sichtscheibe steht für einen UV-Schutzfilter mit guter Farberkennung, das Herstellerzeichen, die optische Klasse 1, eine Festigkeit gegen schnelle Teilchen auch bei extremen Temperaturen (FT) sowie Beständigkeit gegen Beschlagen (N) und Oberflächenschäden (K). Auf dem Trägerkörper finden sich dagegen die Norm-Nummer, die Kennnummer des Verwendungsbereichs und die Festigkeitsstufe.
Bauformen: Bügelbrille, Korbbrille und Gesichtsschutz
Augenschutz gibt es in verschiedenen Bauformen, die sich im Schutzumfang unterscheiden. Die Bauform wird nach der Gefährdung und dem Tragekomfort gewählt:
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Bügelschutzbrille: Leichte Brille mit Seitenschutz für Tätigkeiten mit geringem bis mittlerem Risiko, etwa leichtes Bohren oder Montagearbeiten.
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Korbbrille (Vollsichtbrille): Liegt dicht am Gesicht an und schützt zusätzlich gegen Staub, Spritzer sowie Gase und Dämpfe; geeignet bei Schleifarbeiten und beim Umgang mit Chemikalien.
-
Gesichtsschutzschild: Schützt das gesamte Gesicht und wird über einer Brille getragen, beispielsweise beim Trennschleifen mit starkem Funkenflug.
Augenschutz für Brillenträger
Beschäftigte mit Sehhilfe brauchen eine Lösung, die Korrektur und Schutz verbindet. Üblich sind drei Wege:
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Überbrille: Schutzbrille, die über der Korrektionsbrille getragen wird; sie muss ausreichend gross sein und die Sehhilfe sicher umschliessen.
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Korrektionsschutzbrille: Schutzbrille mit eingearbeiteten Korrekturgläsern, individuell nach EN 166 angefertigt.
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Schutzbrille mit Dioptrien-Einsatz: Trägersystem mit separatem Korrektionsclip hinter der Sichtscheibe.
Bei jeder Kombination muss die mechanische Festigkeit erhalten bleiben. Ein Stoss auf eine darunterliegende Korrektionsbrille kann sonst zur Gefahr für den Träger werden; bei hohem Splitterrisiko sind geprüfte Komplettlösungen vorzuziehen.
Die passende Schutzbrille für die Tätigkeit wählen
Die geeignete Schutzbrille richtet sich nach den Gefahren der jeweiligen Tätigkeit. Die folgende Übersicht ordnet typischen Baustellenarbeiten die passende Kennzeichnung zu:
|
Tätigkeit |
Gefahr |
Empfohlene Kennzeichnung |
|---|---|---|
|
Bohren, Schleifen, Trennen |
Splitter, Funken, Staub |
EN 166 mit F oder B, Verwendungsbereich 4 oder 5 |
|
Schweissen, Brennschneiden |
UV- und IR-Strahlung, Funken |
EN 169 bzw. EN 175 mit passender Schutzstufe |
|
Arbeiten im Freien |
UV-Strahlung, Blendung |
EN 170 oder EN 172 (UV- und Sonnenschutz) |
|
Umgang mit Chemikalien |
Spritzer, Gase, Dämpfe |
EN 166, Verwendungsbereich 3 und 5 |
Für Arbeiten mit hohem Splitterrisiko, etwa beim Schleifen, ist eine hohe Festigkeitsstufe sinnvoll. Bei Tätigkeiten im Freien schützt ein UV-Schutzfilter die Augen vor der Sonnenstrahlung. Eine Auswahl geeigneter Schutzbrillen und Augenschutzprodukte gehört zur Grundausstattung auf der Baustelle; für Bohr- und Schleifarbeiten ergänzt passendes Schneid- und Trennwerkzeug die Schutzausrüstung.
Häufige Fehler beim Augenschutz auf der Baustelle
Typische Fehler beim Augenschutz lassen sich leicht vermeiden:
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Falsche Kennzeichnung: Eine Schutzbrille ohne passende Festigkeitsstufe oder ohne den nötigen Filter bietet bei der konkreten Tätigkeit keinen ausreichenden Schutz.
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Beschädigte Sichtscheiben: Tiefe Kratzer verringern Sicht und Festigkeit; betroffene Scheiben sind auszutauschen.
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Fehlender Seitenschutz: Offene Bügelbrillen lassen Teilchen von der Seite eindringen; bei Staub und Funken ist eine Korbbrille die bessere Wahl.
Eine kurze Unterweisung der Beschäftigten zu Auswahl, Sitz und Pflege erhöht die Akzeptanz und damit die Sicherheit spürbar.
Prüfung, Pflege und Gültigkeit der Schutzbrille
Eine Schutzbrille schützt nur im einwandfreien Zustand. Zerkratzte oder beschädigte Sichtscheiben sind auszutauschen, weil Kratzer die Sicht beeinträchtigen und die Festigkeit verringern. Vor dem Einsatz sind Scheibe, Rahmen und Kennzeichnung zu prüfen. Die Angaben des Herstellers zu Verwendung und Lagerung geben Auskunft über die Eignung für die jeweilige Tätigkeit. Für die Reinigung eignen sich Wasser und ein mildes Reinigungsmittel; eine trockene, geschützte Lagerung erhält die optischen Eigenschaften.
Beim Übergang von EN 166 zu EN ISO 16321 bleiben vorhandene, korrekt gekennzeichnete Produkte innerhalb ihrer Zertifikatsgültigkeit weiter zulässig. Für Neuanschaffungen lohnt der Blick auf die aktuelle Kennzeichnung, damit die Schutzbrille den künftigen Anforderungen entspricht. Ein Überblick über das gesamte Sortiment an Arbeitsschutzprodukten erleichtert die Zusammenstellung der passenden Ausrüstung.
Schutzbrillen-Normen auf der Baustelle: das Wichtigste zum Augenschutz
Augenschutz auf der Baustelle beruht auf klaren Normen: EN 166 als Grundnorm, die Filternormen EN 169 bis EN 172 sowie die neue EN ISO 16321, die EN 166 ab Dezember 2025 ablöst. Die Kennzeichnung zeigt mechanische Festigkeit, optische Klasse und Filterwirkung und macht die Schutzwirkung vergleichbar. Wer die Schutzbrille anhand der Gefährdungsbeurteilung und der Kennzeichnung auswählt, regelmässig prüft und korrekt trägt, schützt die Augen bei Bohr-, Schleif- und Schweissarbeiten zuverlässig.